Statement zur OKB-Ausstellung "order / disorder"

"order / disorder"

order / disorder

order / disorder
Ausstellung im Kunst im Zentrum (KiZ) Gießen
20.11.2020 – 24.1. 2021 (wegen aktueller Corona-Maßnahmen derzeit geschlossen)


Text: Dr. Carola Schneider, Kunsthistorikerin


Der Vorstand des Oberhessischen Künstlerbunds hatte bereits einige Zeit vor Ausbruch der Corona-Pandemie das Thema „order / disorder“ gewählt, als noch niemand ahnte, zu welcher Aktualität es sich entwickeln würde.
An der Ausschreibung beteiligten sich 33 Künstlerinnen und Künstler, die auf sehr unterschiedliche Weise auf das Thema reagieren. Ende November traf sich die Jury (Werner Braun, Marion Fischer, Dieter Hoffmeister, Angelika Nette und Dr. Carola Schneider), um die Arbeiten auszuwählen und die Ausstellung aufzubauen – in der Hoffnung, sie bald dem Publikum zugänglich machen zu können. 


I
Das spannungsreiche Verhältnis von Ordnung und Unordnung bestimmt auf grundlegende Weise das menschliche Leben. Angesichts der Komplexität unseres Daseins streben wir nach Klarheit und Übersicht – und sind dabei ständig dem Risiko des Scheiterns ausgesetzt. Albert Einstein brachte diese Ambivalenz auf den Punkt: „Nichts kann existieren ohne Ordnung. Nichts kann entstehen ohne Chaos.“ 
Stürze und Bruchstellen gehören zu jeder Lebensgeschichte. Schon die ersten Schritte eines Kindes sind ein Wagnis. Das „Laufen lernen“ an den Händen des Vaters findet sich wohl in vielen Fotoalben und ist das Motiv einer Graphitzeichnung von Reiner Packeiser in drei Varianten mit minimalen Unterschieden, die zum genauen Hinsehen auffordern. Die schemenhaft erfassten Figuren auf der Wange, im Haar und hinter dem Kopf einer jungen Frau mit nachdenklichem Blick auf der Zeichnung von Asal Khosravi scheinen als Erinnerungen durch ihre Gedanken zu geistern. Silvia Roedler setzt in Schichtungen aus Fundholz, Schalbrettern, einem rostigen Zahnrad und Leinwandresten die Skulptur einer weiblichen Figur zusammen als Sinnbild für Lebensgeschichte, Erfahrungen und Verletzlichkeit. Brüche und Verluste thematisiert Angelika Nette in der Boden-Installation aus zerbrochenem Porzellan ihrer Urgroßeltern und einer Marmorplatte, deren Bruchstellen – inspiriert von der japanischen Kintsugi-Reparaturkunst – mit Farbe bemalt sind. An aufgelöstes Gewebe oder feine Lebenslinien erinnern die Gravuren auf einer Radierplatte. 
Das Haus, ein Dach über dem Kopf, Schutz und Geborgenheit, ist für jeden Menschen von Bedeutung. Der Philosoph Gaston Bachelard schrieb, es sei „unser Winkel der Welt, „unser erstes All“, es „umhegt den Träumer“. Werner Braun kreiert mit seinen „Haus“-Zeichnungen humorvolle Metaphern menschlicher Behausungen in unterschiedlichen Lebensphasen. Der Titel „Serenissima“ ist ein Schlüssel zum Verständnis der Fotografien von Paulina Heiligenthal, die in Venedig die verspiegelte Theke des von Tobias Rehberger gestalteten Biennale-Cafés fotografierte – ein Raum für Begegnungen mit Kunstinterssierten aus aller Welt. Die Zeichnungen von Hans-Jürgen Hädicke, Spannungsfelder von Linien, Formen und Strukturen, könnten auf Raumerfahrungen basieren und oszillieren zwischen flächiger Gestaltung und dreidimensionaler Tiefenwirkung. Berthold-Josef Zavaczki verbindet in seinen Keramiken Gefäße mit anthropomorphen Formen, sucht den Kontrast zwischen glatten und schroffen Oberflächen und versteht sie als Ausdrucksobjekte von Seelenzuständen. Die „Robot“-Plastiken von Michael Limbeck sind kleine keramische Objekte aus glasiertem und engobiertem Steinzeug, die wesenhaft wirken und denen am „Kopf“ Kabel und Schrauben gewachsen sind. Die „Zelle“ von Henrik Wienecke ist aus emailliertem Stahl, den er wegen seines unerschöpflichen Formenreichtums auf Schrottplätzen und seinen Verarbeitungsmöglichkeiten als Material bevorzugt. Wieneckes „Arbeit am Mythos“ ist die eines Berserkers mit großem körperlichem Einsatz und viel Feingefühl für Proportionen und Gleichgewicht. 


II
Politische Konflikte, gesellschaftliche Umbrüche oder plötzlich hereinbrechende Krisen sind große Herausforderungen, die Verunsicherung und Ängste auslösen und oft schwerwiegende Folgen nach sich ziehen. Künstlerinnen und Künstler können wie Seismographen Erschütterungen aufzeigen. Rund ein Drittel der Exponate beziehen sich konkret auf aktuelles Zeitgeschehen: Als unmittelbare Reaktion auf die angeordneten Maßnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus zeichnete Renate Bechthold-Pfeifer zwei Frauen mit Mund-Nasen-Schutz auf einem Sofa, einander zugewandt und doch auf Distanz. Die Einsamkeit und Isolation während des ersten Lockdowns im März 2020 inspirierte Ria Gerth zu ihrem Video „words_of_distance“, in dem sich menschenleere Straßenzüge, Häuser- und Fensterfronten zu geometrischen Mustern formen und Begriffe aus dem Fachvokabular der Pandemie zu Kauderwelsch verschwimmen. Die Kohlezeichnung „Déjà vu“ von Thomas Wörsdorfer zeigt zwei uniformierte Menschen mit Gasmasken im Profil Rücken an Rücken. Sie evoziert einerseits Bilder von Gaskriegen mit chemischen Waffen und andererseits die aktuelle Gefährdung durch Corona-Aerosole. Der Erinnerung an die Zerstörung von Hiroshima und Nagasaki durch die Atombomben „Little Boy“ und „Fat Man“ sowie an die Kernwaffentest auf dem Bikini-Atoll widmet Norbert Grimm drei winzige Darstellungen auf großformatigem Stoff in Trinitit, einem künstlichen Glas, das bei der ersten Atombombenexplosion am 16.7.1945 entstand. Mit dem Phänomen der zunehmenden Spaltung der Gesellschaft und der Gefährdung der Demokratie durch Machthaber wie Donald Trump beschäftigt sich Maggie Thieme in ihren Fotografien. Der Meme „Nevertheless she persisted“ fordert zum Widerstand auf. Wennemar Rustige thematisiert mit seiner Serie „I cannot breathe“ Rassismus und Gewalt seitens Polizei und Militär gegenüber Schwarzen und Homosexuellen, in prägnanten Umrissen, auf Schwarz und Pink reduziert, mit Acryl auf Müllsäcken gemalt. Als Plädoyer für Toleranz ist das Bild „Colors“ von Dieter Hoffmeister zu verstehen, das aus einem Raster von 480 Quadraten in unterschiedlichen Hautfarben besteht. Auf die Manipulierbarkeit der Realität durch Bilder und auf das Gefährdungspotential der Abhängigkeit der Gesellschaft vom Internet verweist Yutta Bernhardt, die durch Manipulation ihrer Leitungen digitale Bilder zusammenstürzen ließ und in diesem kurzen, nicht kontrollierbaren Prozess kurz vor dem Verschwinden festhielt. Frank Wojtynowski gab dem Phänomen des Preisverfalls einen bildnerischen Ausdruck in Form einer Collage aus einem Lieferschein, einem zerrissenen Etikett und einer Kaskade von Ziffern auf Wellpappe.


III
Ein wichtiger Aspekt in der Ausstellung ist das Verhältnis des Menschen zur Natur: Susanne Jakobs pflückte einen letzten Feldblumenstrauß auf der Langsdörfer Höhe in Lich, bevor – den Widerständen einiger Bürgerinitativen zum Trotz – die Bagger und LKWs für den Bau eines neuen Logistikzentrums anrückten. Sie sind im Hintergrund ihres Bildes und auf zwei gemalten Sofakissen mit Stickereien und den Schriftzügen „Gute Nacht!“ und „Schlafe süß!“ zu erkennen. In welchem Maße der Mensch die Natur überformt, seiner eigenen Ordnung unterwirft und auf ein dekoratives Surrogat reduziert, thematisiert Paul Hess in seinem Diorama mit einem künstlichen Steineiben-Bonsai, Kunstrasen, einer LED-Leuchtkette und grafischen Tapeten aus Motiven verfremdeter Natur. Auf dem großformatigen Bild von Christian Malitzki steht ein Bauarbeiter in einer Industriehalle mit erhobenen Händen vor der hereinbrechenden Erscheinung eines lichtdurchfluteten Waldes – eine Projektion seiner Sehnsucht? Nicht ohne Ironie zeigt Volker Kusterer Zimmerpflanzen, die sich mit letzter Kraft gegen Jalousien behaupten, ein rankendes Gewächs, das sich aus einer Ritze in den Bodenplatten um einen Pfosten windet und ein auf den Gehsteig geworfenes Tannenbäumchen, das seinen Dienst erfüllt hat und auf die Müllabfuhr wartet. Ob Wiesenblumen, Palettenstapel mit Ästen oder der Fundus eines Schrottplatzes – immer zoomt Andreas Rück das Motiv nah an das Auge des Betrachters, wählt einen scheinbar zufälligen Bildausschnitt und lässt die Polarität zwischen Natur und Zivilisation verschwimmen.
Einige Künstlerinnen und Künstler dieser Ausstellung setzen sich mit Ordnungsprinzipien, Strukturen und Prozessen in der Natur auseinander: Katja Ebert-Krüdener arrangierte verwelkte Blätter an der Wand zu einer großen Spirale. Ihr Ordnungsprinzip beruht auf der nach dem Mathematiker Leonardo Fibonacci benannten Fibonacci-Zahlenfolge, mit der sich Wachstumsvorgänge in der Natur beschreiben lassen und die vielen konzentrisch im Goldenen Winkel angeordneten Blüten, Blättern und Fruchtständen zugrunde liegt. Im Kontrast dazu liegt Laub verstreut auf dem Boden. Bildfragmente von Baumrinden, Holzmaserungen, Jahresringen und abstrakte Farbflächen verbindet Renate Donecker als Collagen zu „Waldgeschichten“ – angesichts der durch den Klimawandel bedingten Trockenheit in unseren Wäldern wohl ohne Happy End zu erzählen... Gisela Denninghoff überarbeitete in diesem Jahr einige 2003 entstandene Zeichnungen aus Vulkanasche und Gewürzen mit Temperafarben und sieht im kreativen Prozess der Verwandlung die Energien von Vergehen und neuem Werden. Eine große Affinität zu Ernst Haeckels 1904 erschienenen „Kunstformen der Natur“ zeigen die Zeichnungen von Anne Born, auf denen Mikroorganismen, Pilze und Blüten zu sehen sind – bizarre Gebilde aus dem vielfältigen Formenkanon von Flora und Fauna. Die zweiteilige Tuschezeichnung von Marina Raffaela Cerea lässt an einen Schwarm von Insekten denken. Linien sind miteinander verwoben, bilden dunkle Partien, verdichten sich zur linken Bildhälfte hin und lösen sich zu den Rändern auf. Auch Marion Fischer evoziert mit weißen Pinselspuren auf blauem Grund den Eindruck von Bewegung schwebender, tauchender und fliegender Tiere oder sich auflösender Rauchschwaden. Viele Assoziationen sind möglich, ebenso bei der dreiteiligen Arbeit „Broken surface“ von Susanne Ledendecker, die ihre Leinwände mit lasierend gemalten Splittern in teils zarten, teils kräftigen Blau-Grün-Tönen überzieht – die Ordnung einer geschlossenen (Eis?)Oberfläche ist in Auflösung begriffen. Anne Held spielt in ihren Übermalungen von Fotografien mit Irritationen der Wahrnehmung und lotet die Grenzen zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion aus. In schachbrettartiger Anordnung und vertikalen Bahnen spielt Karin Schweikhardt mit ornamentalen und der Natur entlehnten Formen in gedeckten Farben, vermalt die Ölpastellkreide in vielen Schichten und belebt einzelne Partien mit Ritzungen und Kratzer. 


In seiner 1951 publizierten Schrift „Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben“ schrieb Theodor W. Adorno: „Aufgabe von Kunst heute ist es, Chaos in die Ordnung zu bringen.“ Hat dieser Aphorismus immer noch Gültigkeit? Zumindest hat die Kunst unserer Gegenwart das Potential, mit subversiver Kraft fest gefügte Strukturen zu sprengen und Veränderungsprozesse anzustoßen. Die Ausstellung umfasst ein breites Spektrum künstlerischer Medien – Malerei und Zeichnung, Skulptur und Installation, Fotografie und Video – und lädt dazu ein, Wahrnehmungsgewohnheiten aufzubrechen, Irritationen zuzulassen und die eigenen Vorstellungen von Ordnung und Unordnung zu hinterfragen.